altmarkgeschichte

Datenbank Historischer Grabmäler der Altmark





Werner Schenk von Flechtingen

Erb- und Gerichtsherr auf Flechtingen

Sterbedatum:
04.03.1597
Ort:
Flechtingen
Standort:
Kirche
GPS:
11.142038 - 52.195482

Beschreibung:
Hängeepitaph, Alabaster und Marmor mit Resten einer sparsamen Farbfassung. Vielleicht infolge eines Standortwechsels in seiner Substanz reduziert, plastische Elemente aber auch durch mutwillige Zerstörungen beschädigt. Heute an der Ostwand mittig hinter dem Altar angebracht.

Dreigeschossige, im Hauptgeschoss verkümmert-dreiachsige Komposition. In der Mitte der Sockelzone kleinfigurige Anbetung der Hirten in Roll- und Beschlagwerkskartusche, flankiert durch zwei entsprechend gerahmte Darstellungen je zweier Evangelisten; alle Szenen in meisterhafter technischer Ausführung. Die auf kräftigen Konsolen ruhenden Seitenpartien gegenüber dem Mittelteil deutlich vorgezogen, so dass sich Standflächen für die - allerdings puppenhaft kleinen, jeweils auf kleinen Sockeln bzw. Polstern knieenden - Stifterfiguren aus weißem Marmor ergeben, die sich - jedenfalls in ihrer derzeitigen, vielleicht sekundär geschaffenen Position - dem Betrachter zuwenden. Links außen die kindliche Adorantenfigur wohl des jung verstorbenen Jacob Schenk in zeitgenössischer Gewandung, rechts daneben die Figur des Werner Schenk im Harnisch, dessen offener Visierhelm zwischen beiden Figuren abgelegt ist. Auf der rechten Seite gegenüber die beiden Ehefrauen des zuvor Genannten, nämlich Margareta von Bartensleben sowie Sabina von Bredow.
Das Hauptgeschoss als klar gegliedertes architektonisches Gebilde konzipiert, sein oberes Gebälk getragen durch doppelt angeordnete, reich verzierte Hermenpilaster auf gemeinsamen Postamenten. Zwischen diesen die Widmungsinschrift für Werner Schenk, darüber als zentrale Bildeinheit das bewegte und überaus fein gearbeitete Relief einer "Großen Kreuzigung". Das Ganze übergangslos umrahmt von den je achtstelligen Ahnenproben für die beiden Ehefrauen (die des Werner Schenk in der Frieszone oberhalb des Architravs). Offenbar sekundäre Änderungen, in deren Folge das Relief aus einer ursprünglich wohl tieferen Nische rahmensprengend vorgerückt wurde. Infolge dessen schnitt man die oberen vier Wappen an, während das jeweils achte Wappen rechts und links unten bis auf seine Helmzier ganz verschwunden ist, als man den Rahmen auf wenig rücksichtsvolle Weise "passend" machte. Seitlich des Mittelfeldes zwischen den Doppelpilastern kaum sichtbar zwei Rundbogennischen als reduzierte Seitenachsen, in die zierliche Putti auf hohen Sockelkandelabern eingestellt sind. Die Seitenwangen des Hauptgeschosses werden dominiert durch die stark gekrümmten Faunsfiguren, naturalistische Fruchtbündel sowie virtuos geschnittenes Roll- und Bandwerk als verbindendes Element.
Das erste Obergeschoss als architektonische Anordnung gleichfalls durch zwei Hermenpilaster getragen. Im auch hier rechteckigen Mittelfeld eine fein gearbeitete, beinahe freifigürlich gestaltete Auferstehung Christi, deren Vordergrund durch eine vollplastische Gruppe der um den Rock Christi würfelnden Kriegsknechte verstellt wird, die hier ikonographisch völlig sinnlos platziert wurde, nachdem vor dem Kreuzigungsrelief infolge eines sekundären Eingriffs offenbar kein Raum in ausreichender Tiefe mehr zur Verfügung stand. Die Seitenwangen durch plastisch gearbeitete Tugenddarstellungen dominiert; das Ganze hinterfüttert durch ein hier eher linear aufgefasstes Beschlagwerksdekor. Das Mittelfeld hat - im Gegensatz zum Kreuzigungsrelief des Hauptgeschosses - noch seine ursprüngliche Umrahmung aus allerlei feinem figürlich-ornamentalem Dekor; allerdings erstaunen auch hier verstümmelnde Reduktionen, die man an dem weichen Material offenbar nachträglich vorgenommen hat. Unberührt von den entstellenden Eingriffen der feingliedrig gestaltete Fries mit den spielenden Putten.

Im zweiten Obergeschoss - auch dieses als architektonischer Aufbau mit zwei tragenden Hermenpilastern gestaltet - findet sich in flachbogigem Rahmen, außen flankiert von zwei weiteren freifigürlichen Tugenddarstellungen, das im hohen Relief wiedergegebene Pfingstwunder; das Ganze wird bekrönt durch einen Aufsatz mit der Darstellung der Dreieinigkeit, eingefasst durch flaches Roll- und Beschlagwerk, welches seinerseits links und rechts von zwei Putten besetzt ist, die die Marterwerkzeuge Christi in Händen halten. Zwischen den unteren Doppelkonsolen links und rechts je eine Tugendfigur eingeschlossen; der Unterhang selbst dominiert durch die Inschrifttafel in überaus reich gestaltetem Rahmen aus Roll- und Beschlagwerk, spielenden Putten und üppigen Fruchtgehängen. Die achtstellige Ahnenprobe für Werner Schenk in der Frieszone des Hauptgeschosses. Linear aufgefasst wie ihr 1592 in Stuck gefertigtes sechzehnstelliges Vorbild als Brüstung der Flechtinger Herrschaftsempore: 1. D[ie] Schenken, 2. D[ie] V[on] BVLAW, 3. D[ie] V[on] WENCKSTERN, 4. D[ie] V[on] MARENHOLTZ, 5. D[ie] V[on] IAGAW, 6. D[ie] V[on] BODENDICK, 7. D[ie] V[on] KNESEBECK, 8. D[ie] V[on] BODENDORF. Die gleichfalls achtstelligen Ahnenproben beider Ehefrauen oberhalb und seitlich des Kreuzigungsszene; links die der Margarete v. Bartensleben in folgender (fehlerhafter) Anordnung, beginnend oberhalb des rechten Armes Christi: 1. D[ie] V[on] KRACHT, 2. D[ie] V[on] BARTENSLEBEN, 3. SCHVLENBVRG, 4. V[on] QVITZAW, 5. D[ie] V[on] KOTZEN, 6. D[ie] V[on] BORTFELT, 7. D[ie] V[on] ROHER, 8. D[ie] V[on] ARNIM (genealogisch korrekt und heraldisch regelkonform wäre: 1. Bartensleben, 2. Schulenburg, 3. Kracht, 4. Quitzow, 5. Bortfeld, 6. Kotze, 7. Rohr, 8. Arnim). Rechts die Ahnenprobe für Sabina v. Bredow in folgender, gleichfalls fehlerhafter Anordnung, beginnend oberhalb des linken Arms Christi: 1. V[on] BREDAW, 2. DER HANN, 3. D[ie] V[on] KRACH[T], 4. V[on] D[er] SCHVLEN[BVRG, 5. V[ON] ARNNIM, 6. V[on] BREDAW, 7. D[ie] V[on] ROHORR, 8. V[on] BLANKEN[BVRG] (genealogisch korrekt und heraldisch regelkonform: 1. Bredow, 2. Arnim, 3. Hahn, 4. Bredow, 5. Grabow (stattdessen hier an dritter Stelle: Kracht), 6. Rohr, 7. Schulenburg, 8. Blanckenburg). Die Ursachen für diese Unstimmigkeiten, wie sie sich in anderer Form auch am Epitaph für Sabinas Bruder Jobst v. Bredow in Neu-Zauche finden, liegen im Dunkeln. Da jedoch der Bildhauer in der Gestaltung der Ahnenproben kaum eigenmächtig Änderungen vorgenommen haben dürfte, sind die auffälligen Anordnungsfehler wohl auf Seiten der Auftraggeberin zu suchen.
Die Inschriften des Epitaphs lehnen sich - wenigstens im Falle des Werner Schenk und seiner ersten Ehefrau - eng an diejenigen der Grabplatten an. Die auf den Erstgenannten bezogene Inschrift in der Sockelzone des Hauptgeschosses in reiner Kapitalis: "IM IAR NACH IESV CHR[ISTI] GEBVRT MDXCVII DEN IX MARTII IST DER EDLE GESTR / ENGE VND EHR[E]NVESTE WERNER SCHENKE KERSTENS S[ELIGER] SOHN IN GOT SELIG / ENTSCHLAFEN IM XXXVII IAR SEINES ALTERS GOT VERLEIHE IHM EINE FROLIGE AVFERSTEHUN[G]"
Die Widmungsinschriften beider Ehefrauen als zweiteilige Tafel des Unterhangs; links diejenige für Margareta von Bartensleben: "IM IAR NACH CHRISTI GEBVRT / 1587 AM TAGE MAVRICII IST / DIE EDLE VND VIELTVGEND / REICHE FRAV MARGARETA GEBO / RNE VON BARTENSCHLEBEN IA / COBS TOCHTER VND WERNER / SCHENKEN SELIGE / HAVSFRAV / IN GOT SELIG ENTSCHLAFE[N] / IM [...] IAR IHRES ALTERS GOT VER / LEIHE IHR / EINE FRO / LIGE AVF / ERSTE / HV[N]G". Rechts diejenige für Sabina von Bredow: "ANNO CHRISTI MDCXXXII / IST DIE HOCHWOLGEBORNE / FRAV SABINA VON BREDAV / HERRN ACHIM VON BREDAV WOL / SEEL[IGEN] AVF REINSBERG TOCHTER / VND HERRN WERNER SCHENCKENS / WOLSEE[LIGEN] ANDERE FRAV GEMAH / LIN IN GOTT SELIG ENTSCHLA / FEN IHRES ALTERS [...] IAR GOT / VERLEIHE / IHR EINE / FROL[ICHE] AVF / ERSTEH / VNG".

Die Einfügung des Sterbejahres in der zweiten Inschrift sicher nachträglich, jedoch äußerst geschickt und unauffällig vorgenommen.

Hinsichtlich der kunsthistorische Einordnung beschränkt sich die ältere und neuere Literatur auf eher lapidare Hinweise und Andeutungen, wonach das hier vorgestellte Stück - wie übrigens auch die sonstigen Denkmäler der Schenken - "wohl in Magdeburg entstanden" oder aus "Magdeburger Werkstatt" hervorgegangen sei. Was den figürlichen Reichtum und die Gestaltung der Reliefs betrifft, so lassen sich tatsächlich Bezüge zu zeitgenössischen Arbeiten im Magdeburger Dom beobachten; die Frage nach der Urheberschaft des Flechtinger Werkes blieb allerdings bis dato unbeantwortet. Sowohl das Material als auch die virtuose Ausführung der Hauptbestandteile deuten auf Christoph Kapup aus Nordhausen hin, den Meister des vor 1595 geschaffenen Magdeburger Mandelsloh-Epitaphs sowie der 1597 vollendeten Domkanzel, der aber - vielleicht im Zusammenhang mit der 1597 in Magdeburg ausbrechenden Pestepidemie - wieder in seine Heimatstadt zurückgekehrt sein dürfte. Kapup führte jedenfalls die Verwendung des Nordhausener Alabasters in Magdeburg ein. Gestalterische Details des Flechtinger Epitaphs lassen sich in den Magdeburger Arbeiten des Nordhausener Meisters leicht wiederfinden: Die Flechtinger Seitenwangen mit ihren sich vorreckenden ausdrucksstarken Faunsfiguren erinnern deutlich an die "Wilden Männer" des Magdeburger Mandelsloh-Epitaphs in exakt gleichartiger Positionierung. Auch die durch das umgebende Beschlagwerk in auffallender Weise "überfangenen" Karyatiden in Flechtingen lassen gleichartige Details der Magdeburger Domkanzel anklingen, deren verspielte Engelsfiguren in anderer Position, aber ebenso gelungenen Proportionen in Flechtingen wiederkehren.
Auch die erstmals durch Kapup in Magdeburg phantasie- und wirkungsvoll eingesetzten Bandfestons, d.h. textil anmutende Dekorationselemente, sind ebenso wie die für ihn charakteristischen, naturnah gestalteten Fruchtbündel auch in Flechtingen anzutreffen. Was die hier beschriebenen gestalterischen Details angeht, so ist Kapup kaum ihr "Erfinder" im eigentlichen Sinne, sondern er rezipiert wie andere Kunsthandwerker jener Zeit graphische Vorlagen. Hier dürfte insbesondere die um 1565 in Antwerpen erschienene Kupferstichfolge "Caryatidum (...) sive Athlantidum" des Hans Vredeman de Vries zu nennen sein, derer sich nicht nur der Nordhausener Meister, sondern seit den 1570er und 80er Jahren auch wichtige Exponenten der Braunschweiger Bildhauerei wie Hans Seeck und Weimar Heinemann bedienten.
Nur kurze Zeit nach dem Tode ihres Ehemanns dürfte die Witwe Sabina Schenk das Epitaph in Auftrag gegeben haben; die durch die Literatur geisternde feste Datierung in das Jahr 1607 ist weder archivalisch zu belegen noch aus stilkritischen Gründen haltbar.

Der heutige Anbringungsort des Flechtinger Epitaphs an der Ostwand des Kirchenraums entspricht ganz gewiss nicht dessen ursprünglicher Position, denn bis in die Zeit um 1740 stand, wie Bekmann mitteilt, auf der steinernen Altarmensa ein spätmittelalterliches Retabel mit 12 Apostelfiguren, dessen späterer Verbleib unbekannt ist. Hinter einem derartigen Altaraufsatz dürfte man das prunkvolle Grabdenkmal des späten 16. Jahrhunderts allerdings kaum versteckt haben. Da der große Um- oder vielmehr Neubau der Kirche bereits 1727 abgeschlossen war, wird man das Epitaph des Werner Schenk und seiner beiden Gemahlinnen zu einem späteren Zeitpunkt von einer der Seitenwände in die Sichtachse des Altars transloziert haben.

Zu den Personen:
Zu Werner Schenk sowie zu Margareta Schenk geb. von Bartensleben die entsprechenden Hinweise bei den Datensätzen der Grabplatten in der Kirche zu Flechtingen; zu Sabina Schenk geb. v. Bredow: Sie war eine Tochter des Joachim von Bredow auf Rheinsberg und Cremmen (1538-1594) und der Anna von Arnim a.d.H. Ziechow (1546-1594). Sie ging zu einem unbekannten Zeitpunkt – möglicherweise im Zusammenhang mit der Konfiskation Flechtingens durch die Beauftragten Wallensteins ab 1629 – zu ihrer Tochter Margarete, verehelichter v. der Schulenburg (1591-1636) nach Altenhausen, wo sie 1632 an der Pest starb und auch begraben wurde. Ihr Enkel Alexander v. der Schulenburg-Altenhausen erinnerte sich dankbar ihrer Heilkunst; der poetische Nachklang ihrer erst 1648 abgehaltenen Totenfeier rühmt sie als hochgebildete und wohltätige Freundin der Musen.

Literaturquellen:
Zum Objekt: Johann Christoph Bekmann, Beschreibung der Chur- und Mark Brandenburg, Bd. 2, Berlin 1753, Teil 5, I. Buch, IV. Kap., S. 86 (kursorisch, aber mit wichtigem Hinweis auf den spätma. Schnitzaltar in der Flechtinger Kirche); Adolf Matthias Hildebrandt, Die Grabsteine und Epitaphien adeliger Personen in und bei den Kirchen der Altmark [...], Gardelegen 1868, S. 80-81 (Angabe zur früheren Anzahl der Wappen unrealistisch; Ahnenproben nicht konsequent nachvollzogen); Ev. Kirchengemeinde Flechtingen (Hrg.), Auf steinigem Grund - Flechtinger Chronik des Pastor Willing, Haldensleben 2011, S. 43-44 (dort u.a. Hinweis auf die Legende von der Beschädigung des Objekts im Dreißigjährigen Kriege); Anne-Dore Ketelsen-Volkhardt in: Irene Heinecke/Heimo Reinitzer, Flechtingen - Seine evangelische Kirche und ihre Ausstattung, Altenburg 2015, S. 88-93 (mit guten Abbildungen, jedoch terminologischen Schwächen und abwegigen Einlassungen etwa zur "teilweisen" Zerstörung durch "kaiserliche Truppen Tillys" im Dreißigjährigen Krieg. Wiedergabe der Ahnenproben beider Ehefrauen ohne tiefere Kenntnis der diesbezüglichen Regeln; ein Zuschreibungsversuch, wie man ihn von einer Fachwissenschaftlerin erwarten sollte, wird nicht unternommen); Dehio, Handbuch der dt. Kunstdenkmäler, Sachsen-Anhalt I, bearb. von Ute Bednarz und Folkhard Cremer, München-Berlin 2002, S. 219 (mit nicht nachvollziehbarer, ältere Ausgaben kritiklos wiederholender Datierung in das Jahr 1607). Hinsichtlich des Bildhauers Christoph Kapup: Thomas Ratzka, Magdeburger Bildhauerei um 1600 (Diss. Berlin 1997), Mahlow 1998, S. 53-56. Zu Sabina Schenk geb. von Bredow-Rheinsberg: Fritz Schwerin, Alexanders von der Schulenburg (…) Lebenslauf, von ihm selbst geschrieben (…), Halle 1858, S. 9; [Friedrich Wilhelm v. Bredow-Liepe und George Adalbert v. Mülverstedt], Geschichte des Geschlechts v. Bredow, hrg. im Auftrag der Geschlechtsgenossen, Teil II, Halle 1890, S. 64-72; Friedrich Werner Köhler, „Ehren-Gedechtniß auff die Beerdigung der wohledelgebornen (…) Frawen Sabinen gebohrnen von Bredaw, Warner Schencken Sel. Hinterlassenen Witben auff Flechtingen (…) zu Altenhausen den 27. und 28. Junii 1648“, Helmstedt 1648 (Digitalisat der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel, nach Exemplar mit der Signatur: J 446.4° Helmst. (97), Online-Zugriff 04.09.2017).

Foto:
Bernd-Wilhelm Linnemeier, August 2017